Mit 1000 Bildern durch 700 Jahre Beilsteiner Geschichte 10

Von Kaisern, Eichen und heraufziehenden Kriegen

Wir befinden uns auf dem „Liesenicher Kalk“, einem Fleckchen etwa 2 Kilometer oberhalb von Beilstein und schreiben den 22. März 1897. Im ganzen deutschen Reich finden „vaterländische“ Feste zu Ehren des 1oo. Geburtstages Kaiser Wilhelm I statt.

So auch in unserem Städtchen Beilstein. Der selbige war bereits neun Jahre zuvor verschieden und konnte die Veranstaltungen, die in einem sich überschlagenden nationalen und kaisertreuen Taumel von seinem Enkel Wilhelm II reichsweit zelebriert wurden nur aus der Walhalla beobachten.

Wilhelm II erklärte im Zuge der Feierlichkeiten seinen Opa wegen seiner Verdienste um die Reichsgründung posthum zu „Kaiser Wilhelm dem Großen“. Ein Titel, der sich in der deutschen Geschichte zum Glück nicht wirklich durchsetzte.

Zum Verständnis ein kurzer Ausflug in die deutsche Geschichte: Napoleon I von Frankreich brachte 1806 den letzten deutschen Kaiser Franz II dazu den Kram hinzuschmeißen. Hernach war Deutschland für 65 Jahre ein Haufen kleiner und größerer Herrschaftsgebiete. Die Forderungen der 1848er Revolution nach einem vereinten und demokratischen Deutschland wurden mit der Gründung des 2. Deutschen Reiches 1871 nicht erfüllt.

 

Nachdem einige deutsche Staaten unter Führung Preußens 1870/71 den Krieg gegen Frankreich gewonnen hatten, verabredeten die Sieger eine Reichseinigung unter einem obrigkeitsstaatlichen und antidemokratischen Vorzeichen.

Zur Demütigung des besiegten Frankreichs fand die feierliche Kaiserproklamation, d.h. die Verleihung der Kaiserkrone an den bisherigen preußischen König Wilhelm in Versailles bei Paris statt.

Weiterhin nahm man Frankreich große Gebiete ab (Elsaß-Lothringen) und bestand auf eine 5-Milliarden-Kriegsbeute.

Mit solchen Bildpostkarten sollten Kinder um das Jahr 1900 schon früh fürs Militär und Krieg begeistert werden.

Mit dieser „Starthilfe“ wurde ein Nationalstaat aufgebaut, der von Beginn an auf einen agressiven Militarismus baute und im Inneren beispielsweise mit den Sozialistengesetzen (1878-90) eine harte Knute der Unterdrückung führte. (Zur Illustration dieser Epoche sei an dieser Stelle Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ empfohlen, der den Irrsinn und die Verrücktheiten jener Zeit ganz hervorragend darstellt.)
Zurück zur Mosel: Am Vorabend des Jahrestages gab es den großen Zapfenstreich und Feuerwerk, am 22.März 1897 selbst einen Festgottesdienst in Beilstein und allen anderen Dörfern, die zur Amtsgemeinde Senheim gehörten. Wie die Kirche neben dem wilhelminischen Obrigkeitsstaat als zweite wichtige Institution für eine aufgeheizte nationalistische und antifranzösische Stimmung sorgte und somit auch die Voraussetzungen für den 1. Weltkrieg mitschuf, verdeutlicht ein Auszug aus einem Gedicht, welches der Beilsteiner Pfarrer von Freihold im Jahre 1888 verfasste. Wieder zurück zu unserer Geburtstagfeier in den März 1897: Am zweiten Tag der Feierlichkeiten, dem 23. März pilgerten Schulklassen und Vereine nach dem Liesenicher Kalk, wo ein feierlicher kaisertreuer Festakt stattfand.

Von einem Beilsteiner Vereinstreffen zeugt dieses zeitgenössische Foto, aufgenommen unterhalb der Lipmann´schen Hotelterrasse.
Am darauffolgenden Tage wurde schließlich zu Ehren des Jubilars eine deutsche Eiche in deutsche Erde gelassen – fortan genannt die Kaisereiche. Nocheinmal wurde das Gras rund um die Eiche unnütz platt getreten: Am 16.Juni 1913 wurde das 25 jährige Thronjubiläum Wilhelm II auf ähnliche Weise auf dem Liesenicher Kalk gefeiert. Es soll ein festlicher Tag gewesen sein, gegen 18.00 war man wieder zuhause – die Kinder, um am nächsten Morgen wieder rechtzeitig in der Schule zu sitzen – die Väter, um im darauffolgenden Jahr auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges für ihren Kaiser zu verrecken. Die Kaisereiche steht heute noch an ihrem damaligen Platz (an der L 200, Abzweig Beilstein).

Literatur- und Medienempfehlung

Mann Heinrich: Der Untertan
Engelmann Bernt: Wir Untertanen – Ein deutsches Geschichtsbuch
Jacobeit Sigrid und Wolfgang: Illustrierte Alltagsgeschichte des Deutschen Volkes 1810-1900
Jacobeit Sigrid und Wolfgang: Illustrierte Alltagsgeschichte des Deutschen Volkes 1900-1945

 Nationalismus und Militarismus im Kindergarten 1871-1918

 Die Reichsgründung – 90 minütige Spielfilm-Doku von 2015

Von Militarismus und Nationalismus – oder von nichts kommt nichts!
Das Kriegerdenkmal auf dem Vorplatz der Klosterkirche

Das Ergebnis dieses nahezu auf allen Seiten und bei allen europäischen Mächten um sich greifenden Hasses und Chauvinismus ließ gerade einmal knapp eineinhalb Jahre auf sich warten. Zum Verständnis der Ereignisse muss ich ein wenig ausholen:

Der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand besuchte am 28.Juni 1914 Sarajewo, die Hauptstadt der k.u.k. Länder Bosnien und Heregowina (Teil des österreichisch-ungarischen Staatsgebildes). Der Student Gavrilo Princip erschoss den Erzherzog und seine Gemahlin im offenen Wagen. Der Wiener Hof und seine Militärs nutzten das Attentat alsbald um den politischen Schock diplomatisch gegen Serbien einzusetzen. Österreich-Ungarn nötigte Serbien mit nahezu unerfüllbaren Forderungen. Als Serbien das gesetzte Ultimatum verstreichen ließ, kam es am 28.Juli 1914 zur Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien. Dies geschah im Wissen darum, dass Russland als Verbündeter Serbiens seiner Schutzmacht wohl beistehen werde. Österreich-Ungarn konnte sich hingegen sicher sein Beistand durch seinen engen und starken Verbündeten, das Deutsche Reich in diesem Krieg zu erhalten.

Deutschland versicherte in den letzten Julitagen nochmals ausdrücklich seine Bereitschaft auch im Falle eines Krieges mit Russland an der Seite der k.u.k. Monarchie zu stehen. Dieser sogenannte „Blancoscheck“ des Deutschen Reiches war der entscheidende Funke, der an das Pulverfass der unmittelbaren Kriegsgefahr angelegt wurde. In Folge dessen waren nun innerhalb weniger Tage alle wichtigen imperialistischen Staaten und ihre verbündeten Länder in Europa in den 1. Weltkrieg verwickelt.

Schlussendlich wurde dieser vier Jahre währende Krieg auf allen Seiten zu einem unvorstellbaren Gemetzel. In den Schützengräben lagen sich die verfeindeten Armeen im Stellungskrieg teilweise Monate und Jahre lang gegenüber, ohne irgendeinen militärischen oder sonstigen Nutzen daraus zu ziehen. Immer neue, modernere und grausamere Waffen kamen zum Einsatz.

Verwüstete und umgepflügte Landschaft: Schlacht an der Somme/ Frankreich 1.7. bis 18.11.1916. Alleine bei dieser Schlacht verloren auf deutscher, britischer und französischer Seite insgesamt 1,1 Millionen Männer Ihr Leben
Zuletzt schreckte man auf allen Seiten auch nicht mehr vor dem Einsatz von Giftgas zurück. Hatten sich im Sommer 1913 die wichtigsten europäischen Monarchen noch in Berlin zur Hochzeit von Kaiser Wilhelms II  einziger Tochter zum Familienfest getroffen – tatsächlich verbanden enge familiäre Verwandtschaften die gekrönten Häupter Deutschlands, Russlands und Englands. So hielt es sie nicht davon ab ein Jahr später ihren jeweiligen Proletariern zu befehlen sich gegenseitig die Kehle durchzuschneiden. Der 1. Weltkrieg hat mehr als 9 Millionen völlig sinnlose tote Soldaten auf allen Seiten gekostet. Allein Deutschland beklagte 2 Millionen getötete Soldaten. Hinzu kamen die an Hunger, Krankheiten und Unterernährung gestorbenen Deutschen hinter der Front.

Beilstein hat hier einen bemerkenswert überproportionalen „Blutzoll“ leisten müssen. Die in den 192oer Jahren auf dem Vorplatz der Kirche aufgestellte Stele zur Erinnerung an die im 1. Weltkrieg gefallenen  Beilsteiner Soldaten listet 10 Männer auf:

Nikolaus Löllmann

Unbekannter Beilsteiner

Bei dieser Fotografie handelt es sich um einen „Sperrmüllfund“ aus der Haushalts-auflösung des Beilsteiner Haushaltes Josefa Teska / Fürst-Metternich-Straße vor einigen Jahren. Mit Sicherheit handelt es sich aber um einen Beilsteiner Soldaten.

Josef Porten

Franz Löllmann

Die Namensliste ist insofern unvollständig, als dass sie keine Vermissten mit einbezieht. Die modernen Waffen haben menschliche Körper oft so zerfetzt, dass eine Identifikation unmöglich war. Noch Jahre später galten hunderttausende Soldaten als verschollen bzw. vermisst – kaum einer kam zurück. Zumindest der Sohn der Beilsteiner Familie Boos galt für immer als vermisst und sollte der Liste hinzugefügt werden. So müssen wir zahlenmäßig davon ausgehen, dass mindestens ein Dutzend junger Beilsteiner in diesem Krieg getötet wurde. 1914 hatte Beilstein bei einer Gesamteinwohnerzahl von etwa 200 Personen rund 100 männliche Einwohner. Die Alterskohorte der zwischen 1885-1901 Geborenen (Soldatengeneration) dürfte vielleicht 20 Männer ausgemacht haben. Fast zwei Drittel aus dieser Generation hat der Krieg verschlungen. Was das für Beilstein bedeutete mag man sich vorstellen.

Nahezu alle abgebildeten Mitglieder des Beilsteiner Gesangvereines Moselgruß sind entweder unter 30 Jahre oder über 45 Jahre alt. Fast eine ganze Generation Männer fehlt. (Aufnahme: 1929)

Das Kriegerdenkmal in Form einer Stehle vor der Beilsteiner Klosterkirche kleidet diesen Umstand in die beschönigenden Worte: Den Tod für das Vaterland starben aus Beilstein 1914-1918. Solche oder ähnliche Sätze waren nach 1918 in allen kriegsbeteiligten Ländern die üblichen Formulierungen, mit denen man Kriegerdenkmäler versah. Waren sie geeignet den Hinterbliebenen Trost zu spenden oder dem Massensterben irgendeinen Sinn zu verleihen?

Kurt Tucholsky veröffentlichte am 21. April 1925 in der „Weltbühne“ einen bemerkenswerten Text unter der Überschrift:
Die Tafeln

 Tucholsky schlug vor den Passus: „Sie starben für das Vaterland“ zu ersetzten durch die Formulierung: „Sie starben durch das Vaterland“. Ein Vorschlag, über den man zumindest nachdenken könnte.

Ein Letztes muss an dieser Stelle noch erwähnt werden. Einen weiteren Namen lässt die Stele vermissen. Den Namen des am 22.6.1894 in Beilstein geborenen jüdischen Soldaten Siegfried Stern. Er wurde am 9.10.1917 bei Kämpfen an der Front getötet. Ob er sein Leben fürs Vaterland gerne gab wissen wir nicht. Auch wissen wir nicht, ob er seinen Namen unter den gegebenen Text gerne gesehen hätte. Im Lichte der späteren Geschehnisse ist das nicht sehr wahrscheinlich. Sein jüngerer Bruder Hermann Stern, am 3.10.1896 in Beilstein geboren wurde als Jude von eben diesem Vaterland einige Jahre später ins Konzentrationslager verschleppt und im KZ Flossenburg am 6. März 1945 ermordet.

Jede Glorifizierung eines Menschen, der im Krieg getötet worden ist, bedeutet drei Tote im nächsten Krieg. (Kurt Tucholsky in der Weltbühne vom 21.6.1932)

Literatur-und Medienempfehlungen:

  • Stiftung Saarländischer Kulturbesitz Deutsches Zeitungsmuseum: Euphorie und Untergang – Im Trommelfeuer der Schlagzeilen
  • Museum Industriekultur Osnabrück: Der Industrialisierte Krieg 1914-1918
  • Pätzold Kurt: 1914 Das Ereignis und seine Nachwirkungen
  • Vitz Rainer u.a. (Autorenkollektiv): Kriegszeit Künstlerflugblätter – Kunst im Dienst von Krieg und Propaganda 1914-1916
  • Lamszus Wilhelm: Das Menschenschlachthaus – Visionen vom Krieg
  • Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin: Fotografie im Ersten Weltkrieg
  • Fesser Gerd: Deutschland und der Erste Weltkrieg.

 Zitate und Gedichte über Krieg von Kurt Tucholsky

 regionalgeschichte.net  Wirtschaft und Arbeit an der Mosel 1914-1918

Von Kapellen und Künstlermotiven

Aufnahme etwa 1910

Aufnahme etwa 1920

Blick auf die obere Bachstraße: Im Vordergrund eine offene Wegekapelle mit einer barocken Steinmadonna aus dem 17. Jahrhundert, die aus der 1805 profanierten Pfarrkirche am Marktplatz stammt. Im Hintergrund zu sehen: Der Ostflügel des Karmeliterklosters, nördlich gelegen der Mönchschor der Klosterkirche. Dem Chorbereich gegenüberliegend: Der ehemalige Klostergarten, heute leider sehr lieblos zu einem Parkplatz umgestaltet. Die aus dem 17. Jahrhundert stammende Mauer des Klostergartens wurde teilweise vor wenigen Jahren für den Bau des Parkplatzes niedergerissen. Beide Fotos bilden den gleichen Standort ab. Das Haus am rechten Bildrand erhielt nach 1910 nach Osten hin ein zweigeschossiges Kelterhaus als Anbau. Zehn Jahre zuvor war dieser Raum (gelegen unterhalb der alten Brücke, die über den Vorderbach führte) nocht nicht bebaut und diente als Abstellplatz für Leitern und Brennholz.

An dieser Stelle ein unglaublicher Zufallsfund, den ich vor kurzem entdeckte. In Berlin hat es zwischen 1901 bis 1943 ein Weinlokal in der Leipzigerstrasse 31/32 gegeben: „1. Rheinische Winzerstube“ Dieses Lokal hat kurz nach 1900 auch ein eigenes Liederbuch mit weinseeligen Liedern publiziert. Zum Blättern in diesem Liederbuch hier klicken. Eines der dortigen Wandgemälde im seinerzeit so betitelten Gastraum Moselstübchen bildet exakt diesen Beilsteiner Standort ab. Die faksimilierte Abbildung jenes Wandgemäldes wurde in Form dieser Postkarte von 1911 wohl an die Gäste vergeben.

Rund dreißig Jahre zuvor hat die Wegekapelle schon einmal als Inspiration für eine künstlerische Darstellung gedient. In dem opuleten Geografieband: „Rheinfahrt von der Quelle des Rheins bis zum Meer“ aus dem Jahre 1876 entdeckte ich diese Druckgrafik des Zeichners und Illustrators Richard Püttner ( 1842 – 1913). Püttner nahm sich hier einige künstlerische Freiheiten. Das 1876 mit Sicherheit an dieser Stelle gegenüber der Kapelle schon bestehende Haus ersetzt er mutig durch einen romantisierenden Wald mit knorrigen Bäumen. Links neben die Kapelle platzierte er eine Entnahmestelle für Quellwasser. Diese hat es 1876 tatsächlich unweit der offenen Wegekapelle gegeben, sie befand sich allerdings rechts unterhalb des Kapellengebäudes. Wiedereinmal zeigt sich, dass die Fantasie der Künstler im Nachhall der Romantik des 19. Jahrhundert kaum Grenzen kannte auf der Suche nach geeigneten Sujets. Das Brunnenbecken bzw. die Wasserentnahmestelle an diesem Ort will ich im folgenden vorstellen.

Von Quellen und alten Wasserleitungen

Wasserentnahme am Bürgerhaus
auf dem Marktplatz

Wasserentnahme an der
oberen Bachstrasse

Die Beilsteiner benötigten für ihr Frischwasser keine Tiefbrunnen. Die beiden Wasserentnahmestellen wurden gespeist durch Quellen im oberhalb des Ortes gelegenen Weinberg. Nach den Erinnerungen des Altbürgermeisters Toni Bauer (Jahrgang 1915) war der Sommer 1921 ein extrem trockener Sommer. Der permanente Zufluss von Quellwasser verringerte sich zu einem tröpfelnden Rinnsal und die Beilsteiner behalfen sich mit dem vorrübergehenden Einbau von absperrbaren Wasserkränen. Auch in den Wintermonaten bei eisigen Minustemperaturen war die Versorgung mit Trinkwasser ein Problem im Dorf. Erst 1925 wurde für Beilstein ein flächendeckendes öffentliches Wassernetz installiert, an welches nun jedes Haus angeschlossen wurde. Hierzu wurde im Bachtal, kurz vor dem heutigen Ortsausgangsschild auf der linken Straßenseite ein Hochspeicher errichtet. Dieser wurde mit Quellwasser gespeist und sorgte auch für den erforderlichen Wasserdruck in der Leitung.
Das kleine Gebäude mit Bruchsteinen verkleidet besitzt auf seinem Flachdach recht merkwürdigen Bauschmuck in Form von mittelalterlichen Burgzinnen. Wer sich das im Jahre 1925 ausgedacht hat, hat es vielleicht gut gemeint. Die Wirkung solch falsch verstandener Historizität ist trotzdem eher lächerlich. Einen gab es in Beilstein, der aber wirklich nicht auf den Bau von öffentlicher Wasserversorgung warten wollte. Der Geheime Oberbaurat Höffgen baute sich kurzerhand um das Jahr 1900 seine private Wasserleitung. Privat bedeutete in dem Fall: Diese Wasserleitung war wirklich nur für sein herrschaftliches Haus am Fuße der Klostertreppe bestimmt. Er war somit um die Jahrhundertwende der einzige in Beilstein, der in seinem Gebäude den Wasserkran aufdrehen konnte und dann sofort Frischwasser zur Verfügung hatte. Sein eigenes kleines Brunnenhaus steht heute noch in einer Mulde (dem ehemaligen Mühlteich) am Beilsteiner Ortsausgang Richtung Hunsrück mitten im Wald.
Dieses Foto zeigt den Zustand der Schloßstraße vor etwa 100 Jahren. Das Gäßchen war nicht gepflastet sondern einfach in den Fels gehauen. Lediglich in der Mitte sind 2-3 Reihen Pflastersteine zu sehen. Der Grund hierfür: Einige Jahre zuvor hatte der Geheime Oberbaurat Höffgen die erste unterirdische Wasserleitung Beilsteins verlegen lassen. Aus einer Quelle im östlich gelegenen Weinberg leitete er Wasser unter Schloßstraße und Marktplatz bis zu seinem herrschaftlichen Anwesen. Bis in die 1880er Jahre war die Schloßstraße bei starkem Regen die einzige Möglichkeit trockenen Fußes ins obere Dorf zu gelangen. Die unterhalb gelegene Bachstraße führte Quellwasser, Regenwasser und auch Abwässer offen durchs Dorf und machte ein Begehen oft unmöglich. Erst um 1880 wurde sie kanalisiert und gepflastert. Die Aufnahme zeigt auch die rückwärtige Giebelseite meines Hauses „Haus kein Moselblick“. Durch die beiden Holztürchen schaffte man Stroh und Heu auf den Dachboden, das die Kuh im Haus für den Winter benötigte.

Von Steinsärgen und Bienenvölkern

‚Im Dörfer‘ Weinberg östlich der Burg

Josef Rengel (1860-1942)

Als im Frühjahr 1910 der Beilsteiner Gastwirt und Weinbergsbesitzer Josef Rengel bei Arbeiten in seinem Weinberg „Im Dörfer“ – gelegen zwischen jüdischem Friedhof und Burg – in etwa einem Meter Tiefe auf etwas Hartes stieß, war die Sensation da. Hatte man wenige Wochen zuvor schon in der Nähe Reste zweier Steinsärge mit Münzen, Gebeinen und Fragmenten von Waffen gefunden, so barg Josef Rengel mit Hilfe des damaligen Dorfschullehrers Demmer einen kompletten, ungeöffneten Steinsarg aus dem ausgeschachteten Loch. Der Steinsarkophag mit den Außenmaßen 2,30 X 0,79 Meter wurde mit vereinten Kräften auf einen zweirädrigen Mistkarren gehievt und herunter ins Dorf gebracht. Der walzenförmige Sarg war innen sechskantig ausgehauen und enthielt ein recht gut erhaltenes menschliches Skelett, zur Rechten liegend ein „Stilett“ als Grabbeigabe. (Was die Finder in diesem Moment wohl nicht wußten: Eine Waffe als Grabbeigabe in einem solchen Steinsarkophag läßt auf einen fränkischen Mann schließen / Frankenzeit etwa 2. Hälfte 5. Jahrhundert bis etwa 8. Jahrhundert n.Chr.). Die mit diesem archäologischen Bodenfund 1910 wohl sichtlich überforderten Beilsteiner zogen höchtswahrscheinlich die gelehrten Patres des naheliegenden Klosters Maria Engelport hinzu. Irgendwie muß es zu einer „ungewöhnlichen“ Übereinkunft gekommen sein: Josef Rengel, der nebenbei auch Bienen züchtete, erhielt von den Mönchen zwei Bienenvölker für seinen Fund. Der Sarkophag ging im Gegenzug an das Kloster. Hier steht Beilsteins größter archäologischer Bodenfund noch heute, recht vergessen und ohne jeden Hinweis unter einem Baum versteckt und wartet darauf, daß man ihm mehr Aufmerksamkeit schenkt als in den letzten 95 Jahren. ( Fotos etwa 1910)

Ansicht des Sarkophag im Jahr 2005 hier

Von Weinlagen und Silberabbau – der Beilsteiner Silberberg

Seltene Aufnahme Beilsteins aus süd-westlicher Richtung mit Blick auf die beste Weinlage den Silberberg.

Der Südflügel des Klosters besteht noch als Ruine (heute wieder bebaut).

Das Moselufer erscheint uns völlig anders. Erst der Bau der Staustufen in den 1960er Jahren und die Erhöhung des Moselspiegels in Beilstein schufen den heutigen schnurgraden Uferbereich.

(Foto etwa 1955)

Diese Fotografie bildet den Silberberg aus einer noch besseren Perspektive ab.

In den 1930er Jahren reichten die bebauten Flächen nahezu bis zur Spitze des Berges.

Heute liegen einige dieser höher gelegenen, ehemaligen Weinberge brach bzw. sind bewaldet.

Der Name Silberberg verweist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf mittelalterlichen Silberabbau an diesem Ort.

( Foto um 1930)

Von der Klosterschule zur Zwergschule – Beilsteins Schulwesen in fünf Jahrhunderten

Im Sommer 1971 wurde die letzte eigenständige Schule Beilsteins für immer geschlossen. Es handelte sich um eine sogenannte Zwergschule, in der Kinder vom 1. bis zum 8. Schuljahr in einer gemeinsamen Klasse unterrichtet wurden.

Die Geschichte des Beilsteiner Schulwesens reicht zurück bis ins 15. Jahrhundert.

Die damalige Herrschaft Beilsteins – die Grafen von Winneburg riefen eine Schule ins Leben, deren berühmtester Schüler ab Ende der 1490er Jahre der spätere Professor Petrus Mosellanus war – ein wichtiger Humanist und Gelehrter jener Zeit.

Zu Luther und Melanchthon stand er in einem guten Verhältnis.

Petrus Mosellanus (geb. als Peter Schade in Bruttig) 1493-1524

Als 1636 das Trierer Domkapitel und die neuen Herrn auf der Burg – die Metternichs – dem Ort Beilstein den Karmeliterorden bescherten (was im Geiste der Gegenreformation sicherlich dazu gedacht war, den Beilsteinern auf alle Ewigkeit den reformatorischen / protestantischen „Irrglauben“ wieder auszutreiben), da richteten die Patres im Klostergebäude recht schnell auch eine Winterschule ein.

Diese befand sich zunächst im alten Klostergebäude an der Mosel (im heutigen Gastraum des Gasthauses Burg Metternich).

Ab Anfang 1693 unterrichteten die Patres im neugebauten Kloster auf dem Rammerberg. Die französische Besetzung sorgte 1805 für ein Ende des Klosters und der Klosterschule. Ab 1806 lehrten weltliche Lehrer im Südflügel des ehemaligen Klosters auf dem Rammerberg. Gelehrt wurde antiklerikal und im Sinne der bürgerlichen Aufklärung. Schon in der preußischen Zeit wurde der Südflügel versteigert und die Schule zog 1816 abermals in das Gebäude des alten Klosters am Moselufer um. Dieses war von 1693-1794 Eigentum der Metternichs gewesen. Die französische Revolution war jedoch so unfreundlich nicht nur den Klöstern alles Land und Vorrechte abzunehmen, sondern auch die Fürsten und Landesherren davonzujagen. Somit war auch das alte Klostergebäude öffentliches Eigentum und konnte die Schule aufnehmen. Der preußische Staat versteigerte dieses Gebäude und so mußte die Schule als Zwischenlösung in ein privates Gebäude, das später der Familie Koppel gehörte, in der Hinterbachstraße (heute Alte Wehrstraße) umziehen. 1823 fand Beilstein endlich eine Dauerlösung. Die alte Pfarrkirche auf dem Marktplatz wurde umgebaut. Der östliche Teil wurde zur Lehrerwohnung, der westliche Teil zum Klassenzimmer umgebaut.
Die historische Aufnahme zeigt das Schulgebäude um die Jahrhundertwende (ca. 1900-1910).

Schulkinder verschiedenen Alters stehen neben einem erklecklichen Haufen Brennholz.

Höchstwahrscheinlich haben sie diesen für das Beheizen des Klassenraumes zusammen getragen.

Das Klassenzimmer wurde mit einem einzigen Kanonenofen beheizt, der auf dem nächsten Foto (einer Innenaufnahme von 1919) zu bestaunen ist.

Das Foto zeigt den Zustand kurz nach dem 1. Weltkrieg.

Die räumliche Nähe zwischen Schule, Hotel Lipmann und dem damals größten Weinkeller Beilsteins im Zehnthaus war jedoch recht schwierig.

Das Säubern und Ausbessern der Weinfässer auf dem Marktplatz störte die Schulkinder im Unterricht.

Hier wurde von den zwei Arbeitern ein Fass aus dem Zehnthauskeller geschrötert.

Eine schwere Arbeit, die mit Hebewerkzeugen und Flaschenzügen bewerkstelligt wurde.

Das Fass wird nun auf dem Marktplatz geschwenkt, das heißt von Fremdstoffen und Rückständen gesäubert, um den neuen Wein aufzunehmen.

(Foto 1920)

Wenn die befüllten Fässer verkauft waren, so wurden sie vom Beilsteiner Moselufer aus auf solche Transportschiffe verladen und in die ganze Welt verschickt.
Auf diesem Foto sind einige Fuderfässer vor dem Zehnthauskeller zu betrachten.

Ein Fuderfass hat seit der Einführung des metrischen Systems an der Mosel durch die französischen Besatzer um 1800 einen Rauminhalt von genau 1000 Litern.

Waren die lauten Arbeiten vor dem Zehnthaus für den Schulbetrieb wenig zuträglich, erwiesen sich zugleich die Schulkinder für das Hotel Lipmann mit seinen Gästen am Marktplatz als nicht gerade geschäftsfördernd. In den Pausen tollten und johlten die Schüler auf dem Marktplatz und den Treppenstufen unterhalb des Zehnthauses herum. Die nächste Fotografie bildet im Jahr 1927 die Beilsteiner Schulklasse auf den Treppenstufen unterhalb des Zollhauses ab. In der obersten Reihe ganz links der Lehrer Kahlki; dritte Person von rechts, der langjährige Bürgermeister Anton Bauer; zweite Person von rechts als letztes jüdisches Schulkind von Beilstein Trude Koppel (1916-2019).

Schließlich schenkte um 1930 Sigmund Lipmann der Gemeinde seinen Obstgarten am Ende der Bachstraße, um dort den Bau eines neuen Schulgebäudes mit integrierter Lehrerwohnung zu ermöglichen. Die Gemeinde errichtete dort unter großer Kraftanstrengung das Gebäude, welches fortan von 1932 bis 1971 die letzte Beilsteiner Schule beherbergte.

Das folgende Foto, im neuen Schulgebäude aufgenommen, zeigt Beilsteiner Kinder unterschiedlicher Jahrgangsstufen im Sommer 1935 im gemeinsamen Klassenzimmer. Lehrer war Josef Kahlki (1898-1972), der von 1922-1965 die Beilsteiner Schüler unterrichtete.

Im vorherigen Schulgebäude – der alten Pfarrkirche – wurden die Zwischenwände für das Klassenzimmer und die Lehrerwohnung schließlich 1935 eingerissen und ein geräumiger „Bürgersaal“ in der 1. Etage hergerichtet. Ein Jahr später, 1936 wurden hier einige Szenen des berühmten Heinz Rühmann Films „Wenn wir alle Engel wären“ gedreht. Das folgende Foto stammt aus diesem Film

(Foto aus dem Jahre 1936)

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